Nelsons langer Weg zum Wasser

Nelson ist 10 Jahre alt und lebt in Kazuzo. Jeden Morgen muss er um 5 Uhr aufstehen, um für seine Familie Wasser zu holen. Daniel Streit, Leiter der Internationalen Programme bei World Vision Österreich, wollte wissen, was das bedeutet und hat ihn auf seinem Weg begleitet.

Daniel Streit und Nelson aus Mosambik - Nelson freut sich über den Fuß

6 Kilometer für Wasser

Daniel begleitet Nelson auf seinem beschwerlichen Weg zum Wasser

Daniel erzählt: Mein ganz besonderer Global 6K

Die Idee dahinter

Ich wusste, dass ich in Mosambik sein werde, wenn der Global 6K in Österreich stattfindet, und habe mir gedacht: „Schade, dass ich nicht teilnehmen kann.“ Dann kam mir eine Idee: Da Mosambik eines der Länder ist, in denen Global 6K-Wasserprojekte umgesetzt werden sollen, könnte ich ja direkt vor Ort mitmachen. Und noch viel besser: Ich könnte nicht nur für ein Kind, sondern auch mit einem Kind den Weg gehen, den es jeden Morgen zurücklegen muss, um Wasser zu holen. Und die Kollegen aus Mosambik haben das dann auch möglich gemacht und Nelson für mich „gefunden“.

Theorie versus Praxis

Das Ganze war für mich sehr spannend: Ich weiß natürlich, wie die Wassersituation in Kazuzo aussieht, ich kenne die Hintergründe und die Auswirkungen. Aber was die Strapazen für die Kinder bedeuten, habe ich auch noch nie hautnah miterlebt. Und allein das frühe Aufstehen ist schon eine gewisse Herausforderung für mich, denn wir sollten pünktlich um 5 Uhr Früh bei Nelson und seiner Familie sein. Also heißt es um halb 4 raus aus dem Bett.

Daniel erklärt Nelson und seiner Familie, was der Global 6K ist.

Ankunft bei Nelsons Familie

Als wir in Kazuzo ankommen, ist es noch stockfinster. Sicherheitshalber habe ich mich im Hotel mit Insektenschutz eingesprüht: Um diese Tageszeit sind die Malaria-übertragenden Mücken noch aktiv. Die Menschen in Kazuzo können sich so einen Luxus natürlich nicht leisten. Ihr einziger Schutz sind Moskito-Netze, aber die nützen ihnen im Freien natürlich nichts. Das heißt aber auch, dass sich die Kinder, die so früh aufstehen müssen wie Nelson, ständig der Gefahr aussetzen, gestochen und infiziert zu werden. Bei der Begrüßung erkläre ich der Familie, warum ich das T-Shirt und die Startnummer mit Nelsons Foto drauf trage und dass wir mit dem Global 6K auf die prekäre Wassersituation in Dörfern wie dem ihren aufmerksam machen und helfen wollen, diese zu ändern. Die Familie findet das interessant und ich habe den Eindruck, dass sie verstehen, warum ich Nelson begleiten will und warum wir alles auch dokumentieren: Weil wir den Leuten in Österreich damit zeigen wollen, was es bedeutet, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu haben. Dass Nelson sich selbst auf der Startnummer sieht, löst allerdings ziemliche Heiterkeit bei der Familie aus.

Aufbruch im Morgengrauen

Und dann machen Nelson und ich uns – ausgerüstet mit zwei Kübeln – auf den Weg. Die Wasserstelle, wo er im Moment Wasser holt, wird wahrscheinlich in zwei bis drei Wochen ausgetrocknet sein. Dann wird er noch weiter gehen müssen. Weil nur Nelson den Weg kennt, geht er voraus. Zunächst benutzen wir einen etwas breiteren Weg. Dann müssen wir querfeldein. Immer wieder treffen wir auf andere Kinder, die auch zu dieser Wasserstelle unterwegs sind. Nach rund einer Dreiviertelstunde sind wir endlich da. Ich habe längst die Orientierung verloren, von wo wir gekommen sind und wie wir dahin wieder zurückfinden sollen. Wir sind keineswegs die einzigen, die ihre Kübel füllen wollen. Jede Menge Kinder und Frauen warten schon an dem kleinen Wasserloch, bis sie dran sind.

Viele Menschen sind in den frühen Morgenstunden schon an der Wasserstelle.
Nelson kennt den Weg in- und auswendig.
Das Wasser wird dann aus einem Wasserloch geschöpft.

„So, jetzt sind wir mit unseren Kübeln da, jetzt schütten wir das Wasser rein und dann gehen wir wieder.“ Denke ich mir. Aber Nelson belehrt mich eines Besseren: Zuerst müssen die Kübel mit Sand gereinigt werden. Und das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Wenn man es nämlich nicht richtig macht, bleibt der Sand an allen möglichen Stellen hartnäckig kleben. Belustigt darüber, dass ich mich als Erwachsener so ungeschickt anstelle, zeigt Nelson mir, wie es geht. Dann erst wird das Wasser, das wir mit nach Hause bringen sollen, in die Kübel gefüllt. Leider ist es alles andere als sauber und ich würde aus Sorge vor einem argen Durchfall keinesfalls davon trinken. Nicht bevor es irgendwie behandelt oder zumindest abgekocht wurde.

Beschwerlicher Rückweg

Dann „schultern“ wir unsere vollen Kübel und machen uns wieder auf den Rückweg. Nelson trägt seinen geschickt auf dem Kopf. Ich versuche das lieber gar nicht erst, sonst ist womöglich nicht mehr viel Wasser übrig, wenn wir zuhause ankommen. Schon nach einiger Zeit wird das Tragen recht mühsam, der Kübel ist ziemlich schwer. So wird der Rückweg deutlich anstrengender als der Hinweg und ich bin heilfroh, als wir endlich wieder bei Nelsons Hütte angelangt sind.

Mit den vollgefüllten Eimern machen sie sich auf den Rückweg.
Wieder zurück im Dorf.

Gefährliches Wasser

Nach unserer Rückkehr frage ich die Familie, ob sie das Wasser irgendwie behandeln, weil es ja verunreinigt ist. Ob sie es zum Beispiel abkochen. Sie verneinen: Sie trinken das Wasser so wie es ist. Ich frage, ob es dann nicht oft zu Durchfällen kommt und das ist tatsächlich so. (Da müssen wir also noch jede Menge Aufklärungsarbeit darüber leisten, welche Möglichkeiten es gibt, durch verschmutztes Wasser übertragbare Krankheiten zu vermeiden.) Dann wird es Zeit für den Abschied: Nelson muss jetzt in die Schule. Er ist zwar etwas müde, aber wenigstens ist die Schule nicht allzu weit entfernt.

Ein Brunnen für Nelsons Dorf

Aber es wird kein Abschied für immer sein. Zum einen, weil ich die Patenschaft für Nelson übernommen habe. Zum anderen, weil es unser Ziel ist, in Nelsons Dorf ein Wasserprojekt umzusetzen. Und bei meinem nächsten Besuch werde ich fragen: „Was hat sich seither für euch verändert?“ Wir werden also dranbleiben und am Beispiel von Nelson zeigen, was es heißt, keinen Zugang zu sauberem Wasser zu haben und was es bedeutet, wenn sich das ändert.