Wasser verändert Leben

Wie Cheru und ihr Dorf in Kenia Zugang zu sauberem Wasser erhalten haben.

Wie Cheru und ihr Dorf in Kenia Zugang zu sauberem Wasser erhalten haben. Im Dorf Kesot in Kenia war es, wie an so vielen anderen Orten in Afrika südlich der Sahara, für die Menschen jeden Tag eine unglaubliche Anstrengung, sauberes Wasser zu bekommen.

Es war nicht nur schwierig sauberes Wasser zu bekommen, sondern es war auch schon schwierig überhaupt irgendein Wasser zu bekommen.
Obwohl sie erst fünf Jahre alt war, gehörte genau diese Schwierigkeit zum Alltag von Cheru Lotuliapus. Jeden Morgen musste sie fast zwei Stunden zu Fuß gehen und sich dann gegen Ziegen und Kamele durchsetzen, um in einem trockenen Flussbett nach Wasser graben zu können.

Cheru

Cherus früherer Weg zu Wasser

Das Leben war schwer ohne sauberes Wasser für Cheru und ihre Familie. Sie und ihre Geschwister waren manchmal zu krank oder zu müde um in die Schule zu gehen. Die Krankenstation war oft geschlossen, die Kirche leer.

Aber seit kurzem hat sich das Leben für die jetzt 6-jährige Cheru verändert. Mit der Hilfe von World Vision baute ihr Dorf eine Wasserleitung, die sauberes Wasser von einer Bergquelle ins Dorf transportiert.

Der Morgen dämmert auf dem steilen, dicht bewaldeten Hang, wo kristallklares Wasser aus einer Quelle blubbert. Sechzehn Kilometer davon entfernt, in der Ebene, füllt die 6-jährige Cheru Lotuliapus ihren Becher mit dem kühlen Wasser, das aus einem Wasserhahn in der Nähe ihres Zuhauses fließt.

“Dieses Wasser schmeckt gut,” sagt sie.

Cheru cup

Sie hält Sote, ihren 7-Monate-alten Bruder, während Monica, ihre Mutter, eine Brusttasche auf ihre gelbe Schul-Uniform näht. Cheru ist ein fleißiges Mädchen. Sie hilft ihrer Mutter mit der Wäsche, dem Geschirr, und passt auf ihren Bruder auf. Eine Hausarbeit muss sie seit Kurzem aber nicht mehr erledigen – nämlich Wasser holen. Mit einem nur ein paar Schritte entfernten Wasser-Kiosk, ist es für Monica leicht, Kanister voller sauberem Wasser vor ihrer Haustüre zu lagern.

„Ich helfe meiner Mama gerne. Und ich bin gerne sauber,“ sagt Cheru, während sie ihrer Mutter das Baby zurückgibt und die frischgewaschene Uniform anzieht. Ordentlich angezogen und mit gewaschenem Gesicht schließt sich Cheru eifrig einer Gruppe von Kindern auf ihrem Weg in die Schule an. Sie halten sich an den Händen und hüpfen, während sie sich auf ihren 2 Kilometer langen Weg machen.

Cherus Vater, Samson, sieht den Kindern stolz nach, als sie die unbefestigte Straße hinunterlaufen. Schon jetzt sieht er eine bessere Zukunft für sie. „Wir haben seit einem Monat Wasser und es hat uns Ruhe und Frieden gebracht,“ sagt er. „Wir haben Zeit und Energie für andere Dinge.“

Schulweg

Offene Türen für Bildung

Zugang zu sauberem Wasser bedeutet, dass Cheru gesund, sauber und ausgeruht in die Schule gehen kann – und das jeden Tag. Früher war sie oft zu krank oder zu müde von ihrem langen Weg zu Wasser.

Als sie in der Volksschule von Kesot ankommt, begrüßt sie der Klassenlehrer John Dungo. Ihm ist aufgefallen, dass viel mehr Schüler und Schülerinnen wie Cheru regelmäßig in die Schule kommen seit die Dörfer entlang der Wasserleitung sauberes Wasser haben. Die Klassen sind gestopft voll mit Kindern. John sagt, dass sie neue Klassenräume bauen werden um alle zusätzlichen Schülerinnen und Schüler unterzubringen. Als der Unterricht beginnt, ist Cheru eine der ersten, die immer die Hand hebt, um Fragen zu beantworten. Sie stimmt auch lauthals mit den anderen Kindern „one, two, three…“ ein, als die Klasse auf Englisch zählt.

„Ich liebe die Schule,“ sagt sie. Schreiben und Zeichnen sind ihre liebsten Fächer.

Cheru Class

Die drei Volksschulen der Umgebung haben seit Neuestem Wassertanks, Brunnen mit zwei Wasserhähnen, und jeweils vier Latrinen für Buben und Mädchen, inklusive einer barrierefreien für Kinder mit Behinderung. Außerhalb der Toiletten gibt es Waschbecken mit Fließwasser zum Händewaschen. Es ist das erste Jahr, dass Cheru und ihre Klassenkameraden genügend Wasser und vor allem sauberes Wasser zur Verfügung haben. Nun fangen sie an, auch über Hygiene und Gesundheit zu lernen.

Die Klassenlehrer der drei Volksschulen haben ein Hygiene-Training sowie Unterrichts-Materialien von World Vision erhalten und für ihre Schüler Clubs zum Thema „Hygiene“ und „Gesundheitspflege“ gegründet. Sie veranstalten auch Gemeinschaftstreffen bei denen Erwachsene über die Bedeutung von Sauberkeit und den Bau und die Nutzung von Familien-Toiletten lernen. „Kinder, die über Hygiene gut Bescheid wissen und diese auch ausführen können, können das auch ausgezeichnet ihren Eltern vermitteln,“ sagt Clement Limaki, 45, Klassenlehrer in der nahen Chepolet-Volksschule.

Cheru happy

Wasser fließt vom Berg herunter

Dass Cheru und ihr Dorf wirklich Zugang zu sauberem Wasser bekommen, war nicht selbstverständlich. Der Anblick des trockenen, unfruchtbaren Landes und der sich abmühenden Menschen in der Region West Pokot, in der auch Cherus Dorf liegt, hat Charles Kakiti, einen World Vision Wasser-Ingenieur, zunächst entmutigt. Die Wasser-Abteilung des Bezirks hatte hier vor einigen Jahren ein Wasser-Projekt gestartet. Sie zapften eine Wasserquelle an und begannen eine Leitung zu verlegen. Allerdings geriet das Projekt in finanzielle Schwierigkeiten und sauberes Wasser begann nie zu fließen.

„Es war nicht einfach, Wasser in diese trockene Gegend zu bekommen,“ sagt Charles. Es schien unmöglich, das Projekt fertig zu stellen, weil die Straße in so schlechtem Zustand war. Als er jedoch sah, dass Wasser im Überfluss aus einer Quelle in den nahegelegen Bergen sprudelte, änderte sich seine Einstellung. „Gott hat diesen Ort mit Allem gesegnet was Menschen und Tiere brauchen, um ein gutes Leben zu leben,“ sagt er. Trotzdem wusste er, es würde Organisation, harte Arbeit und Durchhaltevermögen brauchen, um das Wasser vom Berggipfel in die Dörfer herunterzubringen.

auto

Charles startet gemeinsam mit Abu, einem World Vision Projektmanager, Wasser in die Dörfer zu bringen. Zuerst organisierten sie ein sogenanntes Wasser-Komitee mit jeweils fünf Vertretern aus Chepolet, Chemwapit und Kesot – den drei Dörfern entlang der Wasserleitung. Die Aufgabe dieses Wasser-Komitees ist es, gut auf die Wasserleitung aufzupassen und zu verwalten. Das Dorf Kesot wählte Cherus Vater Samson als eines ihrer Wasser-Komitee-Mitglieder. Die drei Klassenlehrer sind ebenfalls Mitglieder des Komitees.

Ein anderes Mitglied, Anna Lokitwol, 36, sagt, sie hat durch das Wasserprojekt Hoffnung für die Zukunft bekommen. „Dieses Wasser zu haben ist ein großartiges Geschenk, und wir müssen darauf Acht geben. Ich danke jeden Tag für die Menschen, die Geld gespendet haben, sodass wir Wasser bekommen konnten,“ sagt sie. 

Anna hat vorgeschlagen, dass jede Familie 100 Schilling (ungefähr 1 €) und jede Schule 500 Schilling (fast 5 €) pro Monat für die Erhaltung der Wasserversorgung zahlt, damit immer genügend Geld für Reparaturen da ist. Zusammen entschied das Wasser-Komitee über die Platzierung der Wasser-Kiosks, Brunnen und Wassertröge. Mehr als 18 Monate lang grub die Dorfgemeinschaft Gräben, schleppte Rohre und verband sie miteinader. Sie transportierten Zement und brachten Wasser zum Betonieren, um die Kiosks, Brunnen, Wassertröge für die Tiere, und Latrinen in den Schulen zu bauen. 

Am Tag bevor geplant war, dass das Wasser zum Kiosk in Kesot, dem Ende der Wasserleitung, fließen sollte, haben Abu und Charles alle Verbindungen nochmals genau nachgeprüft. Sie verbrachten eine schlaflose Nacht und versuchten im Auto ein bisschen zu dösen – voller Sorge, wartend und betend, dass am nächsten Morgen alles klappen würde.  

Tanz

Wasser im Überfluss

Als der Morgen an dem besonderen Tag dämmerte, stand Cheru in vorderster Reihe – die Augen leuchtend vor Staunen als das saubere Wasser zu fließen begann. Dann sah sie ihrem Vater dabei zu wie er als Erster ein Glas füllte und daraus trank während alle jubelten.

Cherus Mutter erinnert sich an die Fröhlichkeit, die diese Szene begleitete. „An diesem Tag, als das Wasser zum ersten Mal kam, rannten wir zu unseren Häusern und brachten Kanister um das Wasser aufzufangen, weil wir dachten das Wasser würde irgendwann ausgehen,“ sagt Monica. „Aber als ich das Wasser am nächsten Tag sah, ging ich zu meinen Nachbarn und sagte ihnen: „Kommt alle und holt euch davon, und bringt eure Kleidung zum Waschen. Das Wasser geht uns nicht aus.“

Mit Wasser in der Nähe, können die Familien jetzt mehr Zeit für andere Bereiche ihres Lebens aufwenden: Gesundheit, Bildung, und Einkommen. Monicas Kopf schwirrt vor lauter neuen Ideen. Sie möchte einen Gemüsegarten anlegen und ein Geschäft aufmachen, um Kleidung und Zucker zu verkaufen. Cheru träumt davon, Ärztin zu werden.

Water kiosk

Als Mitglied des Wasser-Komitees, sind Toiletten und Duschen Samsons höchste Priorität. „Das wird Alles verändern,“ sagt er. „Wir haben jetzt eine Toilette. Alle Mitglieder des Wasser-Komitees werden eine haben und wir werden sehen, dass andere auch eine bekommen.“

Mit seinen Armen um Cheru gelegt, dankt Samson Gott für die Freude, die das saubere Wasser seiner Familie gebracht hat. „Wir sind glücklich. Die Tiere sind glücklich. Sogar die Vögel sind glücklich,“ sagt er, und lächelt strahlend.

Auch der Pfarrer des Dorfes, Solomon, ist glücklich. „Wasser hat Alles hier zum Besseren verändert,“ sagt Solomon. Er ist tief berührt von den Verbesserungen, die das saubere Wasser gebracht hat. Ohne zu zögern, hat die Gemeinde Wasser geschleppt und an der Außenseite der Kirche einen neuen Lehm-Verputz angebracht. Monica und die anderen Mütter möchten eine Kinderbetreuungseinrichtung in der Kirche aufbauen, und Samson sagt, es muss eine Latrine gebaut werden. Die Zeiten, in denen die Kirchenbänke leer waren, weil die Leute unterwegs waren, um Wasser zu holen, sind vorbei. Nun hat das ganze Dorf Zeit, in die Kirche zu gehen.

Als der Kinderchor auftritt, steht Cheru stolz in der ersten Reihe – ihr sauberes Gesicht strahlt. Sie singt und klatscht freudig.

Freude

Nicht nur für Cheru und ihr Dorf hat sich das Leben verbessert, sondern auch für viele andere Menschen in anderen Dörfern. Dank vieler Menschen, die sich weltweit für sauberes Wasser einsetzen, erreicht World Vision alle 10 Sekunden eine weitere Person und jeden Tag drei neue Schulen mit sauberem Wasser.

Cheru 1
Cheru 2
Cheru 3
Cheru 4