Nadja mit ihrem Vater und Urgroßvater

Zu Besuch bei Nadja und ihrem Urgroßvater

Landminen sind tödliche Fallen. Wie geht es den Überlebenden und was macht World Vision für sie? Ein Lokalaugenschein in Bosnien und Herzegowina.

“Sveto, Sveto – komm, ich zeig dir meine Tiere!” Die 3-jährige Nadja nimmt Sveto an der Hand und zieht ihn durch den Garten hin zu einem Käfig, in dem ein paar kleine Hasen herumhoppeln. Gleich daneben der Hühnerstall. Ein Platz, der idyllischer nicht sein könnte – in der Provinz Zvornik im Norden von Bosnien und Herzegowina, ganz nah an der serbischen Grenze. Nadja lebt hier mit ihren Eltern Dragana und Radislav, ihren Großeltern und ihrem Urgroßvater Ratko. 4 Generationen unter einem Dach.

Nadja und Sveto
Nadja mit Puppengeschirr
Nadja und ihr Vater bei den Schafen

Sveto Djurdjevic kennt die Familie gut. Er ist Projektmanager bei World Vision und betreut das von der Europäischen Union geförderte Projekt “It’s all about abilities”. Dabei erhalten Überlebende von Landminenunfällen spezielle Unterstützung – sowohl auf finanzieller als auch auf psychosozialer Ebene. 

So wird etwa durch gesellschaftliche Veranstaltungen wie Kunstevents und Sportturniere ein Bewusstsein für die Thematik in der Öffentlichkeit erzeugt. Vom Projekt “It’s all about abilities” profitieren mehr als 200 Landminenüberlebende und ihre Familien in 11 Provinzen.

Sitzvolleyballturnier
Schulungen von Kleinunternehmen
Kunstveranstaltung
Ausstellung
Selbsthilfegruppe

Bei Sveto merkt man sofort, dass er eine besondere Verbindung zu den Menschen hat. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen begegnet er den Familien. Er kennt jede einzelne, kennt ihre persönlichen Geschichten, die Herausforderungen, mit denen sie zu kämpfen haben, und die größten Wünsche für die Zukunft. 

Nadjas Urgroßvater Ratko trat 1995 auf eine Landmine und verlor dabei ein Bein: „Es war Winter und wir mussten im Wald Feuerholz sammeln. Dabei bin ich gestürzt und auf eine Landmine gefallen.“ Das andere Bein konnte gerettet werden. Mit seiner Prothese hat er immer wieder Probleme, die staatlichen Unterstützungen sind nicht ausreichend. „Das Leben ist auf einmal wertlos, keiner kümmert sich um dich. In der Region gibt es keine Arbeitsstellen. Mein Sohn und ich konnten damals zum Glück auf dem aufbauen, was vor meinem Unfall da war. Ansonsten hätte ich nicht gewusst, wie es weitergeht.“ Von World Vision wurde die Familie mit einigen Maschinen für die Landwirtschaft unterstützt.  

Ratko erzählt seine Geschichte.
Ratko und sein Enkel vor den Landmaschinen.

Große Teile des Landes sind vermint

Ratkos Schicksal teilen sehr viele Menschen in Bosnien und Herzegowina. Im Krieg zwischen 1992 und 1995 wurden 8.386 Menschen durch Landminen verletzt oder getötet. Aber auch danach gab und gibt es bis heute Opfer. 2,2 Prozent der gesamten Landesfläche sind noch immer vermint. „Überall dort, wo gekämpft wurde, gibt es Landminen“, erzählt Fotini Antonopoulou, Delegierte der Europäischen Union in Bosnien und Herzegowina. „Es gibt neben den sichtbaren Verletzungen zudem so viele unsichtbare, die der Krieg in den Menschen verursacht hat.“

Ziel ist es, Bosnien bis 2025 minenfrei zu machen. Fortschritte sind zu erkennen: Seit Ende des Krieges konnten rund 135.000 Landminen und andere explosive Relikte aufgespürt und zerstört werden. Der Entminungsprozess sei aber nicht einfach, so Saša Obradović, Präsident von BHMAC, eine Organisation, die sich um die Entminung Bosniens kümmert: „Die verminten Gegenden sind oft schwer zugänglich und es passieren dabei immer wieder Unfälle.“ Insgesamt 51 Todesfälle sind bei den Einsätzen zur Entminung bisher zu beklagen.

Fakten zu Landminen
UDAS_grüner Zeljko Volas

Sich nicht alleine fühlen

Wie wichtig neben der Entminung die Betreuung von Landminenüberlebenden ist, weiß Željko Volaš. Selbst Opfer einer Landmine hat er vor 17 Jahren die Versehrtenorganisation UDAS gegründet, mit der World Vision eng zusammenarbeitet. „Es ist wichtig, jemanden zu haben, mit dem man über alles reden kann, wenn man verzweifelt ist“, berichtet er. „Damals hatte ich das Gefühl, mein Leben ist zu Ende. Ich war 22 und dachte, ich muss jetzt für immer daheimsitzen. Dann erzählten mir andere Betroffene ihre Geschichten über die Prothesen und ich träumte plötzlich davon, eine Prothese mit Superkraft zu bekommen.“ Der heute 48-Jährige ist verheiratet und Vater einer 12-jährigen Tochter. Er hat bereits dreimal an internationalen Badminton-Wettbewerben teilgenommen. Sein nächstes ambitioniertes Ziel: „Ich möchte eine Wandergruppe aus Landminenüberlebenden gründen und den 3.000er Triglav besteigen.“ 
 

Zurück zu Nadja und ihrer Familie: Auf Ratkos Hof sind Hühner und Hasen nicht die einzigen Tiere, die dort leben. Auch eine Schafzucht betreibt die Familie. Ratko ist sehr stolz auf seinen Enkel Radislav, der die Landwirtschaft nun führt und so das Einkommen für die Familie sichert. Beim Verabschieden sagt der 73-Jährige: „Danke, dass ihr da wart und über unsere Situation berichtet! Und schade, dass ihr schon gehen müsst. Das nächste Mal, wenn ihr kommt, bleibt ihr zum Essen. Aber ruft mich vorher an, damit ich auch da bin.“

Ratko bei der Verabschiedung
Schafe im Stall
Nadja und ihr Vater bei den Schafen.
EU Flagge
UDAS Logo
WV Logo

Weitere Informationen und Storys zum Projekt

Reportage von Martin Tschiderer

erschienen in "Die Furche", 8.8.2019

Mine Survivors Improve Entrepreneurial Skills

Schulungen für Kleinunternehmer (englisch)

Projektbeschreibung "It's all about abilities"

Eine Übersicht zu den einzelnen Aktivitäten

Living with the disability - Mladen's story

Wie er seine Familie als Bauer versorgt (englisch)

Farming in the land of landmines

Snjezana war 13, als sie verletzt wurde. (englisch)

Landmine survivors – volleyball masters

Wie Sport den Selbstwert hebt (englisch)