Ängste und
Träume

von Kindern aus Syrien
und Kindern aus Ländern
in anderen Teilen der Welt

Sechs Jahre Gewalt haben bei den Kindern Syriens eine unauslöschliche Spur hinterlassen. Der Preis für diesen brutalen Krieg ist hoch. Ungezählte Kinder sind getötet oder an Körper und Seele verletzt worden.

Selbst für die, die vor der Gewalt fliehen konnten, ist Sicherheit jenseits der syrischen Grenzen nicht garantiert. Viele Kinder dürfen keine unbeschwerte Kindheit erleben, sondern müssen arbeiten gehen, um für das Allernötigste genug Geld zu haben. Junge Mädchen werden verheiratet, weil ihre Familien nicht für sie sorgen können. Und manchmal auch, weil es ihrem eigenen Schutz dient.

In der Bekaa-Ebene im Libanon verkaufen Kinder um neun Uhr abends noch Süßigkeiten auf der Straße. Diese Jungen arbeiten immer zu dritt. „Wir verdienen so zwar weniger, aber können uns dafür gegenseitig beschützen“, sagt der 8-jährige Mahmoud (im gestreiften T-Shirt)

In der Bekaa-Ebene im Libanon verkaufen Kinder um neun Uhr abends noch Süßigkeiten auf der Straße. Diese Jungen arbeiten immer zu dritt. „Wir verdienen so zwar weniger, aber können uns dafür gegenseitig beschützen“, sagt der 8-jährige Mahmoud (im gestreiften T-Shirt)

World Vision unterstützt syrische Kinder seit Beginn des Krieges. Wir haben einige von ihnen gebeten, ihre Ängste und Träume mit uns zu teilen. Zum Vergleich haben wir auch mit Kindern in relativ sicheren Ländern gesprochen. Wir wollen damit zum Nachdenken anregen. Einen kleinen Beitrag zum Verständnis leisten, wie sich Krieg als extreme Form von Gewalt bei Kindern auswirkt: sowohl auf ihr Weltbild als auch auf ihre Fähigkeit hoffnungsvoll zu bleiben.

Es stellte sich heraus, dass es viele Gemeinsamkeiten und herzerwärmendes Mitgefühl zwischen den Kindern gibt. Wie aber zu erwarten war, kam der größte Kontrast darin zum Ausdruck, dass syrische Kinder quasi in ständiger Angst vor Gewalt leben und viel zu schnell erwachsen werden müssen.

World Vision ruft mit seinem internationalen Netzwerk dazu auf, diesen Kindern zu helfen. Allen Entscheidungsträgern muss ihre Mitverantwortung für das zugelassene Leid und für die Zukunft der syrischen Kinder klar sein.

Alle Kinder haben Ängste und Träume. Ob diese wahr werden, liegt an uns.

Mohammed
16, Syrien

“Meine Angst ist, dass meinen
jüngeren Schwestern etwas zustößt.
Mein größter Traum ist es, Journalist zu werden."

Erst erschossen sie seinen Vater und seinen Onkel. Dann richteten sie die Waffe auf ihn. Doch Mohammed konnte fliehen und sich so lange in einem nahegelegenen Tal verstecken, bis es sicher genug war, wieder herauszukommen. Danach flohen Mohammed und der Rest seiner Familie aus Syriens Golanhöhen nach Jordanien. Als sie ihr Haus hinter sich ließen, hatte der heute 16-Jährige nur eine Angst: dass seinen beiden Schwestern etwas passieren könnte.

Mit dieser Angst ist Mohammed nicht allein. 15 Prozent der befragten syrischen Kinder sagten, dass es ihre größte Angst sei, ein Familienmitglied zu verlieren.

“Es war ein schönes Leben in Syrien. Ich hatte meine ganze Familie. Alles was wir brauchten. Ich glaube, man realisiert erst, was man wirklich hatte, wenn es nicht mehr da ist.”

Jetzt leben sie im Flüchtlingslager Azraq. Mohammed träumt davon, Journalist zu werden.

“Ich interessierte mich schon früh für Journalismus. Mein Onkel kaufte mir immer Zeitungen und wollte, dass ich viel lese und lerne. Auch wenn er getötet wurde, möchte ich diesen Traum weiterverfolgen. Es ist eine Möglichkeit ihn zu ehren.”

Mit dieser Entschlossenheit hat sich Mohammed mit einigen seiner Freunde an ein Projekt gemacht: Sie machen eine Zeitschrift für Jugendliche im Flüchtlingscamp.

“Ich möchte über Dinge schreiben, die wichtig sind und für uns eine große Rolle spielen. Denn es gibt viele Kinder, die Angst haben, über sich selbst und ihre Anliegen zu sprechen. Die Zeitschrift soll ihnen eine Stimme geben.”

Mohammed hofft, dass die erste Ausgabe bald verteilt werden kann.

Hamza
10, Syrien

“Ich fürchte mich vor Luftangriffen.
Mein größter Traum ist es, Pilot zu
werden, weil ich gerne die ganze
Welt bereisen möchte.”

Jasmine
8, Syrien

“Ich habe Angst um Syrien, wenn
ich sehe, was in meiner Heimat geschieht.
Mein Traum ist, meine Oma in Syrien
endlich wiederzusehen.”

Die 8-jährige Jasmine und ihre ältere Schwester Dalal stammen aus der syrischen Stadt Hama. Sie verließen das Land vor drei Jahren und leben jetzt in Jordanien.

Ihr Vater Hnadi versteht sehr gut, was seine Kinder durch den Krieg verloren haben. Er versucht jeden Tag, das Leben für sie ein wenig besser zu machen. „Ich will ihnen möglichst alles geben, was sie wollen und was ich leisten kann. Sie sollen Kinder sein und ihre Kindheit genießen“, sagt er. „Ich habe versucht, das Haus freundlich und warm zu gestalten. Wir haben Spielsachen und ich kaufe ihnen gemütliche Kleider. Seit wir Syrien verlassen haben, fühlen wir uns einsam und entwurzelt.“

“Wir haben einen leeren Vogelkäfig und einen großen Spielzeugvogel. Meine Kinder haben mich gefragt, warum wir den Vogel denn nicht in den Käfig stecken. „Ich sagte ihnen, dass Vögel nicht in Käfige gehören. Sie sollen frei sein und fliegen.”

Die Schwestern vermissen Syrien zwar sehr, sind aber zugleich dankbar, in Jordanien zu sein.

„Hier fühle ich mich sicher. Ich liebe Syrien, aber im Moment würde ich mich dort nicht sicher fühlen", erklärt Dalal. „Als ich in Syrien war, fürchtete ich mich vor den Luftangriffen und den Gewehrschüssen. Wenn ich hier einen Polizisten sehe, bekomme ich auch Angst.“

Jasmine schaut sich mit ihrem Vater oft die Nachrichten an. „Die Waffen, das Blut – das ist alles so beängstigend! Es ist meine Heimat und es macht mich traurig zu sehen, was los ist. Auch als ich noch dort wohnte, ist das schon alles passiert. Ich fürchte um Syrien, wenn ich sehe, was geschieht.“

Die Schwestern träumen wie die Hälfte der befragten syrischen Kinder von Frieden und einer Rückkehr nach Syrien.

12 Prozent der Befragten sagten, sie wären gerne mit ihrer Familie vereint. So auch Jasmine: „Ich vermisse meine Oma und meine Tanten. Ich will sie einfach wiedersehen und umarmen.“

Währenddessen hofft Dalal, eine gute Schülerin zu sein und ihre Mutter stolz zu machen. Wenn sie groß ist, will sie Krankenschwester werden. Das wollen viele syrische Kinder: Jedes dritte von ihnen träumt von einem bestimmten Beruf. Viele wollen Arzt oder Lehrer werden.

Hnadi ist sehr stolz auf seine Kinder. Vor allem darauf, wie sie mit ihrem neuen Leben in Jordanien zurechtkommen. Er nimmt sie in den Arm und sagt: "Das sind nicht nur meine Kinder, sondern auch wirklich gute Freunde. Ich liebe sie."

“Wir träumen davon, weiterhin träumen zu können”
- Ghina, 16, und Nour, 14, Schwestern aus Syrien

SO HELFEN WIR SYRISCHEN KINDERN

World Vision bietet Kindern im Rahmen der Syrienhilfe psychosoziale Unterstützung und Bildungschancen. Zudem werden sichere Treffpunkte gefördert, in denen sie spielen oder kreativ sein können.

Wir können mit diesen Maßnahmen den Kindern hoffentlich dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Sie erfahren mehr über ihre Rechte und lernen, wie sich selbst schützen und soziale Konflikte friedlich lösen können.

Wir arbeiten mit Lehrern und Eltern zusammen, damit sie die Kinder unterstützen und eine positive, schützende Umgebung schaffen können. Zudem bilden wir Komitees aus den Bewohnern der Flüchtlingsgemeinden, die Fälle von Gewalt erkennen und sofort melden: ob physische oder emotionale Gewalt, ob Kinderarbeit oder Frühverheiratung. Auch unsere Mitarbeiter sind darin geschult, auf Kinderrechtsverletzungen hinzuweisen.

International setzen wir uns für eine ausreichende Finanzierung der Hilfsprogramme, eine faire Aufteilung der Verantwortung für geflüchtete Menschen und ein Ende der Gewalt ein. Im Speziellen fordern wir, dass der UN-Sicherheitsrat alle zur Verfügung stehenden diplomatischen Mittel nutzt, die Grausamkeiten in diesem Krieg zu beenden und die Kinder mit ihren Familien zu schützen.

Wir brauchen jeden Einzelnen, um Gewalt gegen Kinder zu beenden

Teilen Sie diesen Bericht, wenn Sie davon überzeugt sind, dass die Kinder Syriens ein Leben ohne Gewalt verdient haben.